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Akademisierungswahn.

„Mit dem Abitur musst du doch keine Ausbildung machen!“

Deutschland wird zu einem Land der Akademiker*innen. Immer mehr Fach- & Hochschulen nehmen die Lehre auf, während die Hauptschule, die traditionell bisher die Ausbildungsstätte für Lehrlinge war, abgeschafft wurden. Geht die Rechnung auf?

Die Überakademisierung bezeichnet eine analytische, überspitzte Beobachtung der Absolventen-Verteilung nach Art des Abschlusses, die den geschätzten oder prognostizierten Bedarf von Akademikern überschreitet. Wenn es also mehr studierte Arbeitnehmer*innen gibt, als es Arbeitsplätze für sie gibt, kann man von einer Übersättigung dieser Berufe sprechen. Dass studierte Betriebswirt*innen keine Industrie-Anlagen oder Maschinen bedienen kann, ist keine Überraschung.

Das Ergebnis: Fachkräftemangel im Handwerk und Ausbildungsberufen. Laut Zentralverband des Deutschen Handwerkes fehlen bundesweit aktuell 250.00 Mitarbeiter*innen für die Bewältigung der Auftragslage. Hier entsteht ein Rückstau, der Wartezeiten von gut und gerne 9 Wochen bedeutet – mindestens. Zu viel wird gebaut, saniert und modernisiert. Zu wenige junge Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung im Handwerk, dem Einzelhandel oder Dienstleistungsgewerben.

In Deutschland sinkt die Nachfrage nach einem Ausbildungsplatz stetig und bewegt sich aktuell im historischen Tief von unter 500.000 Bewerber*innen. Dem gegenüber steht ein nach wie vor deutlich höheres Angebot an freien Ausbildungsstellen.

Die Gründe für dieses Ungleichgewicht sind vielfältig und haben in einer eigenen Dynamik Fahrt aufgenommen. Schon eine in den 60er und 70er Jahren gestartete Bildungsexpansion sollte das Studium als normalen Standard für Schulabgänger empfehlen, damit Deutschland im internationalen Vergleich aufschließt. Universitäten sprießten aus dem Boden.

Die individuellen Anforderungen einer Industrie-Nation wurden ignoriert, während die Werbekampagne des Studiums Fahrt aufnahm: Immer mehr Abiturient*innen entschieden sich nun für ein Studium der Betriebswirtschaftslehre oder des Rechts, um gute Chancen auf einen gut bezahlten Job zu haben.

Die deutsche Wirtschaft verträgt einen derartigen Fachkräftemangel, der starke Preisanstiege im Handwerk und der Industrie bedeutet, nur schwer bis gar nicht. Auch die geringe Jugendarbeitslosigkeit, auf die Deutschland stolz sein darf, ist gefährdet, wenn ganze Jahrgänge ähnliche Studiengänge absolvieren. Was müsste sich also ändern? Das duale System kann die Antwort sein, da es die Praxis mit der Theorie vereint, die Anwendung mit der Wissenschaft.

Ein weiterer, sehr bemerkenswerter Effekt des Fachkräftemangels zeichnet sich schon jetzt im Bewerbungsprozess ab: Immer häufiger bewerben sich Firmen mit personellen Engpässen beim Fachpersonal und zeigen sich dabei von ihrer besten Seite. Besonders in hochspezialisierten Branchen wissen die Firmen, wie wertvoll qualifiziertes Personal ist. Die Macht am Personalmarkt verschiebt sich infolgedessen auf die Seite der Arbeitnehmer*innen, die sich in manchen Firmen schon jetzt die Arbeitszeiten, den Lohn und sogar die zukünftigen Kollegen aussuchen dürfen. Zeiten ändern sich, das Handwerk bleibt.

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